Frühling

Der Frühling ist hier. Du wirst jetzt mehr Zeit draußen verbringen.

Geh achtsam wo immer „es geht“. Und es geht immer.

Genieße es zu gehen. Genieße es zu leben.

Alles um dich herum ist allein da, damit du es wahrnimmst und schätzt.

Überirdisch

Es wird ganz still im Stadion. Die Welt hält die Luft an: wer ist der schnellste Mensch?
Und dann läuft er wie immer: erst schlecht, dann besser und schließlich so, als ob es nie Gegner gegeben hätte. Überirdisch.

Es ist immer noch ein Fest zu Ehren der Götter. Menschliche Götter. Götter wie du und ich.
In jedem steckt so ein Potential. Danke für die Erinnerung daran, Usain, zum letzten Mal danke.

„MEDITAZIONE CAMMINATA“

LESUNG UND GEHMEDITATION BEI EINER MESSE IN DER NÄHE VON BRESCIA (Lombardei)

Es war ein schöner Nachmittag gestern bei der Messe „Festival del Ben-Essere“ in Chiari bei Brescia. Erst eine kurze Lesung aus der italienischen Ausgabe des Buches „Gehmeditation im Alltag“, dann gemeinsame Gehmeditation mit einer Gruppe von interessierten Geh-Meditierenden.

Drei Formen der Gehmeditation wurden praktisch vorgestellt und gemeinsam praktiziert: die langsame Vipassana-Gehmeditation, das „Kinhin“ aus der Zen-Tradition und die „3×1 Gehmeditation“ draußen im Park des Messegeländes bei bestem Wetter in der italienischen Frühlingssonne.

Dank an die Organisatoren für die Einladung und Kompliment für die interessante Messe zu allen Themen eines achtsamen Lebens.

„Gehmeditation im Alltag“, von Volker Winkler, © Windpferd Verlag 2014. Im Buchhandel erhältlich oder hier bestellbar: http://ow.ly/ZLReK

Lass dich vom Leben überraschen

In der Achtsamkeitspraxis wird es zur Attraktion, dass wir eine Tasse Tee in die Hand nehmen und zum Mund führen. Wir fühlen die Bewegung des Arms, die An- und Abspannung der Muskeln, die Bewegung der Gelenke, das Material und das Gewicht der Tasse, riechen den Geruch der Tasse und des Getränkes und spüren schließlich den Kontakt der Lippen an dem Gefäß. Es gibt noch weit mehr zu spüren und wahrzunehmen – und das eigentliche Trinken hat dabei noch gar nicht stattgefunden.

Warum tun wir das? Was ist der Nutzen daran, Alltagsbanalitäten so genau unter die Wahrnehmungslupe zu nehmen?

Hierauf gibt es mehr als eine Antwort. Aber nach vielen Jahren der Meditation und Achtsamkeitspraxis würde ich sagen: es geht um Freude und es geht darum, das Leben interessant zu machen, bzw. interessant zu lassen.

Ein auf diese Art trainierter Geist findet nichts mehr langweilig. Ein Geist, dessen Wahrnehmungsfähigkeit durch Achtsamkeitspraxis geschärft wurde, ist in der Lage, sich von allem überraschen zu lassen. Die Vermutung, ich würde wissen, was als nächstes geschieht, fällt weg.

Ich trete aus dem Haus auf die Straße und weiß eben nicht, was mich dort erwartet. Ich weiß nicht, was ich in den nächsten Sekunden und bei den wenigen bekannten Schritten, die mich jetzt erwarten, sehen und erleben werde. Im Gegenteil: ich weiß sicher, dass ich einen Moment erleben werde, der nur vollständig einzigartig sein kann. An diesem Tag, zu dieser Jahreszeit, mit diesem Wetter, bei diesem Licht, mit dieser Stimmung, in genau diesem Alter und unter den jetzigen Bedingungen habe ich diese Straße nie gesehen und ich werde sie so nie wieder sehen. Das ist die Wahrheit. Und es ist, wie so oft, eine Wahrheit, die unseren Verstand langweilt. Aber das macht diese Wahrheit nicht weniger wahr und die Szenerie auf der Straße vor meiner Haustür nicht weniger interessant.

Ich muss diese Szenerie nur wahrnehmen. Mehr gibt es nicht zu tun. Ich kann dabei nichts falsch machen und es gibt dabei nichts zu erreichen. Es gibt keine besonders gute Achtsamkeit und es gibt keine schlechte. Es gibt kein Ziel der Achtsamkeit. Es gibt nur das Sein. Und dieses Sein, dieses reine Sein, ist das spannendste und das interessanteste, was es gibt. Vielleicht ist es sogar das einzige wirklich spannende und wirklich interessante, was es überhaupt gibt. Wir müssen es nur wahrnehmen. Das ist alles.

Lass dich überraschen.

 

WIE GEHT ES DER WELT?

Die Frage nach dem Zustand dieser Welt können wir auf verschiedene Weise stellen und beantworten. Wir können zum Beispiel nach dem ”objektiven” Zustand unserer Welt fragen, danach, wie es ihr ”wirklich” geht, und können entsprechende Zahlen und Daten zusammen tragen und interpretieren.

Wir können außerdem den heutigen Zustand der Welt mit früheren Zuständen vergleichen.

Wir können den Zustand der Welt aber auch als etwas begreifen, was von meinem eigenen Zustand nicht getrennt ist. Dies bedeutet, dass die Frage nach dem Zustand unserer Welt mich direkt zu der Frage führt: wie geht es mir?

Die Frage ”wie geht es mir” entspricht wiederum die Blickrichtung der Introspektion, der Innenschau. Die Frage ”wie geht es mir” führt mich demnach zur Meditation und somit in die Stille.

Sind also die Fragen danach, wie es mir geht und wie es der Welt geht, verbunden? Sind sie nicht voneinander zu trennen?

In der Quantenphysik hat man in dem sogenannten ”Doppelspaltexperiment” festgestellt, dass Quantenteilchen wie Licht, Elektronen oder Atome ihr Verhalten auf unerklärliche Weise ändern, wenn ein Beobachter hinschaut. Das Bewusstsein des Beobachters scheint das Verhalten des Teilchens entscheidend zu beeinflussen.

Bedeutet dies, dass ich den Zustand der Welt bereits verändere, indem ich ein kleines Teilchen dieser Welt, nämlich mich oder genauer mein Innenleben, beobachte?

In der Introspektion der Meditation betrachten wir unseren Geist mit Hilfe unseres Geistes, es entsteht eine interessante Konstellation aus einem Beobachter-Geist und einem beobachteten Geist. Der beobachtete Geist erstrahlt dabei anfangs in seiner ganzen Anfälligkeit für die Leiden und Wechselfälle der Existenz: er ist mal nervös und unruhig, ungeduldig und rastlos, er kann ruhig und entspannt sein, er ist gelegentlich verbissen und aversiv, dann auch mal träge und lustlos, dann wieder gesammelt und offen, oder abgelenkt und unkonzentriert und so weiter, je nach Situation und Tagesform. Der Beobachter-Geist jedoch ist vollständig anders und immer gleich: er ist nichts anderes als reine Betrachtung. Er bewertet nicht, er verstrickt sich nicht, er verurteilt nicht. Er zieht keine Schlussfolgerungen, er sieht keinen Änderungsbedarf und deshalb versucht er auch nicht, irgend etwas zu verändern – er sieht, er beobachtet, aufmerksam und friedlich. Das ist alles, das ist sein Wesen und seine Natur.

Dieser Teil unseres Geistes, dieser Beobachter-Geist, ist uns allen eigen und er ist bereits erleuchtet und befreit. Er hat nichts mehr zu gewinnen oder zu verlieren, er ist reines Sein, reine Beobachtung.

Dies ist eine frohe Botschaft. Sie besagt: alles, was wir suchen und anstreben, ist bereits in uns.

Vor allem aber bietet sich hier eine praktische Möglichkeit der Veränderung meiner Innenwelt und der äußeren Welt: ich kann mehr und mehr mit diesem wachen, offenen und erleuchteten Beobachter-Geist auf mich und auf die Welt schauen und ich kann mein Handeln auf der Grundlage dieses Geistes geschehen lassen.

Wie geht es mir und diesem Teil der Welt, meinem Teil, dann? Wie geht es der Welt dann?